Generalanzeiger Bonn vom 14.06.2011. Online-Version des Artikels >>>
Von Anke Vehmeier

Bonn. Das Feuer lodert im Hof, Melodien aus längst vergangenen Zeiten ertönen, Bögen und Speere warten darauf, zur Jagd getragen zu werden. Ein Hauch Steinzeit liegt über der Colmantstraße. Immer wieder schauen interessierte Passanten durch das Tor, was sich wohl Geheimnisvolles im Landesmuseum tut. Dort hocken mehrere Personen auf Holzstämmen und schnitzeln Birkenrinde in Behälter.
Wir schreiben das Jahr 2011 – doch die Männer und Frauen haben sich auf eine Zeitreise begeben. “Die Teilnehmer erleben den gesamten Prozess des Birkenpechkochens. Das dauert insgesamt zehn Stunden”, sagt Norman Liebold. Gemeinsam mit Jan Hendrik Landefeld bot er am Pfingstmontag den Kurs “Birkenpech, der Klebstoff der Steinzeit” im Landesmuseum an.
“Birkenpech war der erste thermoplastische Klebstoff der Welt”, sagte Landefeld. Der gelernte Schreiner experimentiert mit dem knetgummiähnlichen, tiefschwarzen Material. Mit der Klebemasse wurden in der Steinzeit die scharfen Hornspitzen auf den Pfeilen befestigt.
Wenn die Steinzeitmenschen auf die Jagd gingen, hatten sie vielleicht zehn Pfeile dabei, denn sie waren sehr sperrig. “Wenn ein Pfeil nicht getroffen hatte, saßen sie abends am Lagerfeuer und tauschten die alte gegen eine neue Spitze”, so Landefeld.
Bis zur Gewinnung des Birkenpechs war es ein aufwendiger Weg, denn erst musste das Pech, ein teerähnliches Destillat, gewonnen und verarbeitet werden. Zuerst wurde Birkenrinde mit Bast geschnitzelt. Dann wurde der Topf mit den Schnitzeln eingegraben – im Hof des Landesmuseums gab es dafür am Montag eine Sandkiste -, mit Lehm abgedichtet und erhitzt, bis die Masse zu einem Destillat eingekocht ist. Dann kam noch Asche hinzu.
Die Teilnehmer des Kurses wickelten selbst die Pfeile, feilten die Hornspitzen, brachten Federn an den Pfeilschäften an und verklebten die Spitzen mit Birkenpech. Damit es den Teilnehmern in den Wartephasen nicht langweilig wurde, gab es Musik und Lesungen. Schriftsteller Norman Liebold las eine spannende Geschichte aus prähistorischer Zeit vor, mit musikalischer Begleitung. Normalerweise schreibt Liebold Krimis und Märchen. Für den Kurs hatte er sich speziell eine Geschichte ausgedacht.
“Ich habe ein großes Interesse an Kunstgeschichte, aber auch an Technik. Hier möchte ich gerne das Handwerk kennen lernen und schauen, wie die Leute das früher gemacht haben”, sagte Brigitte Thiel-Rajabi. Sie besucht häufiger Kurse im Landesmuseum. “Gerade in unserer technischen Welt ist es wichtig, sich mit rudimentären Fertigkeiten zu beschäftigen. Ich habe größte Hochachtung vor dem, was die Menschen früher geleistet haben.”
Filigran und elegant präsentierten sich darüber hinaus die Werke der Goldschmiede-Meisterin Ute Schäfer. Sie zeigte altertümlichen Schmuck mit Symbolen und Figuren.
[Bildunterschrift:] Birkenpechkochen und Pfeilbauen macht viel Arbeit: Kursleiter Jan Hendrik Landefeld (links) zeigt den Teilnehmern am Landesmuseum, wie es geht. Foto: Volker Lannert